Jg. I · Heft 03 · Mai 2026

Kranz Magazin für Eventfloristik und florale Gestaltung
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Hochzeit · 14 min

Brautstrauß-Stile 2026 — vom klassischen Round bis zum gewachsenen Phyto-Bouquet

Sechs Brautstrauß-Stil-Familien dominieren die Mai-2026-Hochzeitssaison. Eine Bestandsaufnahme der formalen Tradition und ihrer aktuellen Verschiebungen.

Die Mai-Hochzeitssaison 2026 hat — soweit die ersten Trauungs-Wochenenden in Süddeutschland, im Rheinland und im Berliner Umland Aufschluss geben — sechs Brautstrauß-Stil-Familien klar konturiert herausgearbeitet. Die Praxis der Werkstätten zwischen Düsseldorf, München, Hamburg und Wien lässt sich entlang dieser Familien lesen, und die Verbands-Empfehlungen des FDF (Fachverband Deutscher Floristen e.V.) zur Saison spiegeln dieselbe Sortierung. Ein redaktioneller Durchgang durch das Stil-Spektrum, an dessen Rändern sich die heutigen Übergangs-Formen ablesen lassen.

Round, Hand-tied — die formale Mitte

Der gebundene Rundstrauß bleibt die formale Mitte der Brautstrauß-Tradition. Im niederländisch-deutschen Verständnis als gebundener Strauß eine Komposition, die in der Hand entsteht, in deren Bindepunkt sich Spiralbindung und Parallelbindung als zwei klassische Techniken gegenüberstehen. Die Spiralbindung — alle Stiele in einer einheitlichen Drehrichtung um die Hand geführt — erzeugt jene leichte Domform, die in der bürgerlich-protestantischen Trauungstradition Mitteleuropas seit dem späten neunzehnten Jahrhundert dominiert.

Die Materialwahl 2026 zeigt eine Verschiebung weg von der ausschließlichen Rosen-Komposition hin zu Misch-Bouquets mit Pfingstrosen (in der Mai-Saison Höhepunkt der heimischen Pfingstrosen-Ernte aus den Anbaugebieten in der Pfalz und am Niederrhein), Ranunkeln, Lisianthus und gelegentlich Hortensien als volumengebendem Element. Der reine Rosenstrauß — über zwei Jahrzehnte hinweg das Standardbild der bürgerlichen Trauung — tritt zurück.

Der gebundene Rundstrauß ist keine Stilfrage, sondern eine Frage des handwerklichen Grundverständnisses. Wer die Spiralbindung beherrscht, beherrscht das Fach.

So formulierte es Gregor Lersch in einem oft zitierten Lehrgang an der FDF Akademie in den frühen 2000ern, und die Aussage hat in der Meisterprüfungs-Vorbereitung an der Meisterschule Straelen unverändert Bestand. Die Round-Form bleibt das Prüfungsstück, an dem die Bindetechnik überhaupt erst sichtbar wird.

Cascade — der fließende Wasserfall

Der Cascade-Strauß, in der deutschen Tradition auch Wasserfall oder fließender Strauß genannt, hatte in den 2010er-Jahren — namentlich nach der englischen Königshochzeit 2011, deren Brautstrauß als kompakter Posy-Cascade-Hybrid die internationale Hochzeitspresse dominierte — eine zweite Konjunktur. In der katholischen Hochzeits-Tradition Süd- und Westeuropas, in der die Braut den Strauß als länglich-hängendes Element bis weit unter die Hände trägt, war die Form ohnehin nie ganz verschwunden.

Die technische Konstruktion verlangt einen festen Tragegriff (klassisch als Hülse mit eingearbeitetem Steckmoosbett, in der heutigen Praxis zunehmend ohne Steckmoos durch Konstruktionen mit Wasserröhrchen und draht­geführten Stielen), aus dem die Komposition nach unten herausfließt. Die obere Partie wird klassisch mit Rosen, Calla oder Phalaenopsis-Orchideen als zentralen Großblüten gearbeitet, die fließenden Linien mit Stephanotis, Asparagus, hängenden Amaranthen oder — in der aktuellen Saison auffallend häufig — mit Clematis-Ranken und herabhängenden Sweet-Pea-Stielen geführt.

Die Mai-2026-Verbands­empfehlung des FDF nennt den Cascade-Strauß ausdrücklich als „technisch anspruchsvollste der dominanten Stilformen, die jedoch in der Konstruktion ohne Steckmoos im Lichte der EU-Floristen-Nachhaltigkeits­empfehlungen 2024 grundlegend zu überdenken ist”. Genau hier liegt die handwerkliche Diskussion: Der draht­geführte Cascade-Strauß verlangt mehr Vorbereitungs­zeit als der steckmoos­getragene, ist aber materialökologisch deutlich verträglicher.

Glamelia — die zusammen­montierte Solitär-Blüte

Der Glamelia — der Name verbindet Glamour und Camellia und geht auf die kalifornische Hochzeitsfloristik der Nachkriegszeit zurück — ist die wohl technisch anspruchsvollste der sechs Familien. In seiner reinen Form entsteht er aus den einzeln abgelösten Blütenblättern mehrerer Rosen, die um einen Kern (klassisch ein einzelner Rosen­knospen-Kern, gelegentlich auch eine Blüten­basis aus dichterem Material) Blatt für Blatt neu zusammen­montiert werden, bis eine einzige übergroße Solitär­blüte entsteht.

Belgische Floristik-Tradition, namentlich die Arbeiten von Daniel Ost und in der jüngeren Generation Tomas De Bruyne, hat die Glamelia-Form als skulpturales Bouquet weiterentwickelt. In der deutschen Praxis bleibt die Form Sonder­auftragsarbeit für ausgewählte Trauungen; die Werkstatt-Zeit pro Glamelia liegt bei sechs bis acht Stunden, was die Form außerhalb des oberen Preissegments kaum kalkulierbar macht.

Die saisonal-2026 zu beobachtende Variante arbeitet mit den Blüten­blättern von Pfingstrosen statt Rosen — der weichere, leicht gewellte Pfingstrosen-Blattrand erlaubt eine organischere Konstruktion und nimmt der Form das gelegentlich Manierierte des klassischen Rosen-Glamelia.

Tropical — die exotische Verankerung

Die tropische Stil-Familie verankert die Komposition an exotischen Großblüten: Strelitzien als aufrechte Anker, Anthurien (das sogenannte Flamingoblatt) als flächiger Akzent, Heliconia in den hängenden Varianten, Phalaenopsis-Orchideen als verbindendes Mittel. Die Tradition ist in Deutschland deutlich jünger als die mitteleuropäischen Klassiker und etablierte sich erst mit der zuverlässigen Schnittblumen-Versorgung über Royal FloraHolland in den 1990ern.

In der Mai-2026-Praxis tritt die rein tropische Form zurück zugunsten von Hybrid-Kompositionen: ein Tropical-Kern aus Anthurien und Phalaenopsis, verbunden mit heimischen Frühsommer-Blüten (Pfingstrosen, Ranunkeln, Lisianthus) und mediterranen Verbindungsmaterialien (Olivenzweige, Eukalyptus parvifolia, Pistazienzweige). Diese Hybridisierung trägt den Anspruch der internationalisierten Hochzeits-Klientel, ohne die florale Erzählung an eine rein importierte Materialwelt zu binden.

Phyto-Komposition — das deutsche Erbe

Die Phyto-Komposition — in der deutschen Tradition als botanisch-strukturelles Arrangement gefasst — geht auf das Lebenswerk Gregor Lerschs und seiner Schüler zurück. Statt einer dominanten Form (rund, fließend, solitär) baut die Phyto-Komposition auf der Idee, das pflanzliche Eigenleben der einzelnen Blüten- und Blattmaterialien in ihrer charakteristischen Wuchsrichtung zu respektieren und die Komposition entlang dieser Wuchsbewegungen zu führen.

In der Praxis bedeutet das: Eine Iris steht aufrecht, weil sie aufrecht wächst. Ein Klatschmohn-Stiel zeigt die leichte Krümmung, mit der er gezogen wird. Ein Farnwedel bleibt in seiner natürlichen Bogen­bewegung. Die Komposition entsteht aus dem Zusammenspiel dieser je eigenen Bewegungen, nicht aus ihrer Vereinheitlichung in eine geometrische Grundform.

Der Brautstrauß als Phyto-Komposition gewinnt 2026 auffallend an Boden — nicht zuletzt, weil die Slow-Flowers-Bewegung (in der amerikanischen Lesart Debra Prinzings, in der europäischen Adaption durch die FDF-Akademie-Lehrgänge der vergangenen Saison) genau diese Wertschätzung des heimischen, charakteristischen Materials kultiviert. Pfingstrosen, Klatschmohn, Wiesenkerbel, Frauenmantel, Schafgarbe — die Material­liste eines Phyto-Brautsraußes liest sich wie ein Frühsommer-Wiesen­katalog.

Posy — die kompakte angelsächsische Tradition

Der Posy — kompakt, klein, klassisch nicht größer als zwei aneinander­gelegte Handflächen — kommt aus der angelsächsischen Hochzeits­tradition und hatte in Deutschland lange den Status einer Brautjungfern-Form. Seit der bereits erwähnten englischen Königshochzeit 2011 und der nachfolgenden internationalen Aufmerksamkeit für die britische Brautstrauß-Sprache hat sich der Posy auch als eigenständige Bräut­strauß-Form etabliert, insbesondere für die kleinere, intimere Trauung im Standesamt oder in der Stadt­hochzeits-Atmosphäre.

Die Form verlangt höchste Material-Auswahl: Bei der reduzierten Größe trägt jede einzelne Blüte sichtbar. Die Mai-2026-Praxis arbeitet hier bevorzugt mit Garden Roses (David-Austin-Sorten wie Patience, Juliet, Keira), Ranunkeln, kleinen Pfingstrosen-Sorten und gelegentlich mit weißen Anemonen als grafischem Element.

Die Composite-Form und der Pomander am Rand

Neben den sechs Haupt-Familien lassen sich zwei weitere Stilformen ausweisen, die in der gegenwärtigen Saison als Sonder­optionen am Rand der Werkstatt-Praxis stehen: die Composite-Form und der Pomander.

Die Composite-Form, im klassischen Verständnis der frühen zwanzigjahrhundertlichen amerikanischen Floristik-Tradition, ist eng verwandt mit der Glamelia, baut aber statt aus Rosenblättern aus den einzelnen Blüten einer Blütenrispe (klassisch Hyazinthe, Maiglöckchen oder Lilien­blüten) eine neue, größere Solitär­blüten-Komposition auf. Die Form ist im deutschen Hochzeits­markt selten geworden, findet sich aber gelegentlich in der Wiener Salon­tradition wieder, wo sie als Reminiszenz an die Hochzeits­floristik der Habsburger Zeit gepflegt wird.

Der Pomander — die kugelförmige, an einer Schleife getragene Hand­komposition — geht auf die mittelalterliche Trag­form des Duftballs zurück und wurde in der amerikanischen Brautjungfern-Tradition zur Hochzeits­form. In der gegenwärtigen deutschen Praxis erscheint er als Hand­komposition für die Blumenkinder oder gelegentlich als komplementäres Trag­element zum Hauptstrauß der Braut.

Was die Saison verbindet

Über die sechs Haupt-Familien hinweg lassen sich vier Verschiebungen ablesen, die die Saison 2026 von den vorherigen Hochzeitsjahren unterscheiden:

  • Materialökologie: Steckmoos-freie Konstruktionen sind aus dem Status der Spezial-Option in den Status der professionellen Standard­praxis übergegangen. Die EU-Empfehlung 2024 zur Reduktion von Floral-Foam-Verbrauch hat in der Hochzeits-Praxis materiell durchgeschlagen. Werkstatt-Konstruktionen mit Wasser­röhrchen, draht­geführten Stielen und dem klassischen Spiralbindungs-Griff ersetzen den vor zehn Jahren noch dominanten Floral-Foam-Hülsen-Halter.
  • Heimische Pfingstrose: Die Mai-Saison ist klassisch Pfingstrosen-Saison, und 2026 zeigt sich eine deutliche Wieder­besinnung auf die heimisch gezogene Pfingstrose (Anbau Pfalz, Niederrhein, Allgäu) gegenüber den vorgezogenen Import-Stielen aus Israel und Chile. Der Verband Pfingstrosen­bauern Deutschland meldet für die Mai-Schnittsaison 2026 eine um über 25 Prozent gestiegene Abnahme­menge gegenüber dem Vorjahr.
  • Phyto-Verschiebung: Auch dort, wo die formale Round- oder Cascade-Komposition gewählt wird, verschiebt sich die Material­wahl in Richtung der phyto-kompositorischen Materialliste. Die Grenzen zwischen den Stil-Familien werden weicher.
  • Brautstrauß-Konservierung: Die Nachfrage nach professionellen Konservierungs­techniken (Gefrier­trocknung, harz­basierte Einguss­verfahren, gepresste Erinnerungs­objekte) ist in der gegenwärtigen Saison auffallend angestiegen. Spezialisierte Anbieter wie Bloom by Bloom Konservierung und die Wiener Konservatorium Floral berichten von einer Verdopplung der Auftrags­eingänge gegenüber 2023.

Die belgische und skandinavische Linie als Referenz

Wer die Brautstrauß-Kunst 2026 verstehen will, kommt nicht umhin, die zwei prägenden europäischen Floristik-Linien des vergangenen halben Jahrhunderts in den Blick zu nehmen. Die belgische Linie um Daniel Ost (geboren 1955, mit Werkstatt in Sint-Niklaas) hat seit den 1980er-Jahren mit ihren skulpturalen, oft architektonisch durchkomponierten Großwerken die Idee des Brautsraußes als eigenständige künstlerische Form etabliert. Die skandinavische Linie um Per Benjamin (geboren 1971 in Stockholm, Welt­meister 2002 Interflora World Cup) und Hans Bjurling hat parallel die Idee der farbintensiven, mutig komponierten skandinavischen Hochzeits­floristik geprägt, die in der gegenwärtigen Hochzeits­berichterstattung der Florist-Magazine immer wieder als Referenz erscheint.

Im deutschen Raum bleibt die Linie um Gregor Lersch (geboren 1949, mit Werkstatt in Bad Neuenahr-Ahrweiler bis zu seinem Rückzug aus dem aktiven Wettbewerbs­betrieb 2018) die stilbildende Referenz. Die phyto-kompositorische Tradition, die unter seinem Einfluss in der deutschen Meister­ausbildung gewachsen ist, prägt 2026 die Lehre an der Meisterschule Straelen ebenso wie die internationale Wahrnehmung der deutschen Brautstrauß-Tradition.

Die Mai-2026-Saison ist damit weniger eine Saison neuer Stil-Erfindungen als eine Saison sich verschiebender Mischungs­verhältnisse innerhalb der etablierten Stil-Familien. Die Tradition, in der sich die Brautstrauß-Kunst seit über hundert Jahren bewegt, bleibt — wie es das Selbstverständnis der Floristik als gewachsenes Handwerk verlangt — die Bezugsgröße, an der das je Aktuelle sich ausweist. Die handwerkliche Aufgabe der Werkstatt 2026 besteht darin, die Stil-Familien zu beherrschen, ihre Übergangs­formen souverän zu navigieren und der Kundschaft die formalen Konventionen so zu erklären, dass die Entscheidung für eine bestimmte Form als bewusste Entscheidung getroffen werden kann.


Ressort: Hochzeit